Krise und Phrase — Anmerkungen zum »Kommunistenkongreß«

Halten wir gleich zu Beginn eines fest, nämlich: daß das theoretische wie praktische Versagen derer, die zum großsprechenden Schaulaufen in die Berliner Volksbühne einzogen, total ist.

Versagen deshalb, weil jede Theorie der Gesellschaft als eine aktuelle Theorie der Krise notwendigerweise eine unmittelbare Entscheidung zum Ausgangspunkt haben muß: Entweder hat nämlich die Stunde der Revolution und des Revolutionärs immer geschlagen, weil der Imperativ, die gesellschaftlichen Beherrschungsverhältnisse umzuwerfen, wo und wann immer man sie betrifft, kategorisch ist und unbedingt gilt. Oder aber diese Stunde wird ohnedies und unvermeidlich durch das große Prozessieren der Historie herbeigeführt, die die »objektiven« Voraussetzungen der Entfaltung der Masse zum Status des Subjekts ohne weiteres selbst mitbringt und das einmal ausgefaltete Subjekt nur mehr zur evidenten Erscheinung sich vermitteln muß.

Ob so oder anders, ob Setzung oder Entwicklung, knisternde Erwartung des Momentes zum Losschlagen oder aber wissenschaftliches, durch »Geduld und Ironie« (Agnoli) sich fortsetzendes Fiebermessen am Sterbebett des Kapitals: Eine Theorie der Aktion hat sich auf die Suche nach dem Kairos zu begeben und ist daran zu messen, ob sie Auskunft auf die Frage liefert: Warum und wann?

Es steht zu befürchten, daß das revolutionäre »Jetzt!« der Volksbühnenkommunisten nichts anderes ist als hohle Phrase und äffischer Gestus, also jener verbliebene Rest an »corporate identity«, der es den Damen und Herren erlaubt, wenigstens hier und da noch in ehemals ehrbaren marxistischen Jagdgründen zu wildern, aber am langen Ende doch durch nichts anderes manifestiert wird als die Saturn-Plastiktüte, mit der der bärtige Geschwätzweltmarktführer Žižek so gerne und bereitwillig hausieren geht.

Tribunat und Ausnahmezustand

Rein äußerlich hätte das Eschatologen-Treffen ja zeitlich günstiger nicht stattfinden können. Daß nämlich an den real existierenden Aggregatzuständen der ‚molaren Masse‘ etwas nicht stimmen kann ist mittlerweile selbst in die dunkleren Theorieprovinzen vorgedrungen, folglich können sich alle, die insgeheim hoffen, über das weit verbreitete spontane Unbehagen, dessen mediale Bedienung und Erhöhung sowie die konkrete Aktion wieder ins Politgeschäft zu kommen, berechtigte Aussichten darauf machen, auf dieser Welle wieder nach oben zu schwimmen. Nicht nur die Konjunktur kennt Krisen, sondern auch die Krisentheorie unterliegt Konjunkturen.

Bemerkenswert ist, daß sich selbst die anreizendsten Emanzipatoren von Volk und Klasse und Vielfalt allzuleicht einfangen lassen von jenem bürgerlichen Reflex, der als ein kardinaler Sprechakt der Macht schon von vornherein den Weg ins Verderben weisen muß: Die opake Faszination am Ausnahmezustand. Thatcher hat sie wohl kurz vor Falkland verspürt, Helmut Kohl in den Wendejahren und sein Vorgänger im Amt während der von ihm moderierten Aktion in Mogadischu und wohl auch bei der Schleyer-Entführung. In gewandelter Gestalt, nämlich als angemaßtes oder mindestens erhofftes plebejisches Tribunat, viruliert dieser autoritäre Gestus auch bei Revolutionären in spe als in Aussicht stehender Rausch der großen Tat, als Verheißung, der Geschichte wenigstens einmal in die Speichen greifen zu können. In diesem Sinne war es gut und richtig — aber eben auch in weiten Teilen unverkennbar Selbstappell — sich ans tunliche Seinlassen aller hochmögenden Kader- und Avantgardeambitionen zu gemahnen: Wenigstens also da wurde gelernt, halten wir es fest.

Gleichwohl ist der erkennbare Zusammenhang zwischen autoritärer Geste und realem Krisenbewußtsein draußen vor der Türe damit noch keineswegs erledigt. Wo nämlich bis auf den heutigen Tag der Umstand geleugnet wird, daß Theoriebildung in Nicht-Krisenzeiten nichts anderes sein kann als Ideologiekritik und eben nicht neuerliche und sogar umso stärker zementierte Einmauerung im immer Selben und Hergebrachten, daß die Kritik um der Kritik willen eben nicht dazu da ist, auf der Müllhalde magerer Jahre in Parteien, parteinahen Instituten oder öffentlich-rechtlichen Geschwätzproduktionsanstalten doch noch auskömmlich zu überwintern, dort ist im Zweifel nicht viel zu erwarten, wenn tatsächlich die Zeit reif ist, denn leere Hosen tragen nur diejenigen weit, die den Retro-Look schon immer mochten.

Deshalb sind die Einflußlosen unter den Theoretikern, die ihre umwölkten Elaborate unter gewöhnlichen (d.h. nicht durch die Krise ohnehin in Richtung allgemeiner Panik transponierten) Umständen gar nicht mehr an den Mann bringen würden, auch für jede Illusion in eigener Sache zu haben: Jede noch so geschmacklose Tirade gegen Spekulanten, Arbeitsplatzverlagerer oder Rationalisierer, jedes Hochamt auf die Staatsintervention und noch der allerzarteste aller wohlfeilen Protestlermärsche gegen Etatkürzungen läßt die Revolutionäre vom mentalen Abstellgleis in Richtung Aufbruch rollen und sie sogleich die wundersame Wiederauferstehung des revolutionären Proletariats (oder seines Äquivalents) erwarten — weshalb viele von ihnen auch die Krise erhoffen mit einer Mischung aus Rachsucht gegen eine Welt, die sich partout nicht nach dem eigenen Theorieschatz modeln lassen will, und dem grotesken Credo quia absurdum, daß eine unmittelbar bevorstehende apokalyptische Läuterung die Massen ergreifen und einen selbst damit unentbehrlich machen könnte.

Masse und Krise

Wenn die Krise erst da ist, so nützt die Einsicht nichts mehr, daß der Kapitalismus sie aus sich heraus produzieren muß, denn wie eben diese Krise auf systemimmanentem Wege zu beenden wäre, wissen weder standardisierte Ausgaben der Krisenpolitiker der Staatsparteien noch die Damen und Herren Kommunisten. Gleichwohl gibt es unter den Letztgenannten einige, die allen Ernstes die herkömmliche Revolution durch Massenaufstand, Generalstreik und Ausschreitung als probate Krisenlösung anempfehlen. Schon dieser Umstand allein beweist mit Nachdruck, daß hier lediglich am eigenen Leben verzweifelnde Misanthropen mit lächelnder Verachtung und mit aus der seligen Bohème entlehntem Elitedünkel über die schrecklichen Schicksale von Millionen einfach hinweggehen und den westlichen Gesellschaften den möglichst schnellen Exitus wünschen, und sei es nur, um der Mehrheit der dort lebenden Menschen ein materiell ähnlich prekäres Dasein zu bescheren wie das, auf dem sie selbst sich fortzubringen haben.

Es will den Angehörigen der spontanrevolutionär gesinnten Intelligenz einfach nicht einleuchten, daß die Kritik, die zur positiven Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse führen soll, in den ruhigeren Zeiten vor der Krise zu leisten gewesen wäre, damit nicht während der Krise die dann panischen Massenstimmungen völlig ungehemmt und unvermittelt in Barbarei ausarten (wie in Griechenland) und damit bestenfalls eine Restauration des und schlechtestenfalls einen Rückfall hinter den Kapitalismus bewirken. Stattdessen halten sie es mit der kurzschlüssigen aber eben öffentlichkeitswirksamen »Kritik« der Massen am Kapitalismus anstelle der sehr gebotenen Kritik der antikapitalistischen Massen.

Die Massen wollen nämlich bei Licht besehen gar nicht den Kommunismus und auch nicht die »Emanzipation«, sondern die wirklich exekutierte Staatsökonomie deutscher Provenienz, also der Deutschen Post (die schon Lenin Beifall abrang), der Deutschen Bank (die ins »Gemeineigentum« gehört) und der verstaatlichten Konzerne, die, um die »Bonzen« bereinigt, dem »Gemeinwohl« dienen. Man sehnt sich, kurzerhand, nach geordneter und erzwungener Gemeinschaft in provinzieller Enge, in der die Helden Postbeamte im einfachen Dienst sind und der Herr Bankdirektor sich sonntags zum allgemeinen Volkseintopf-Fressen herbeizubequemen hat, andernfalls man ihn einfach über die Grenze expediert.

Eben diese scheinbar utopische, tatsächlich aber noch nicht einmal nostalgische Freundlichkeit der Verhältnisse ist als erstes durch Kritik als das zu entzaubern, was sie ist: eine zutiefst autoritäre Sehnsucht, die früher oder später an sich selbst verrückt wird. Dasselbe ist zu fordern für die mediokren Angebote aus den Bauchläden der ‚globalisierungskritischen‘, natur- und ökoreaktionären oder sonstwie autoritären Ideologen, aber auch in Bezug auf die Apologeten der bestehenden Verhältnisse, die beide nicht anders können als in einem fort den drohenden Ruf nach Gemeinschaft und Zusammenhalt zu aktualisieren und damit zugleich auf den unmittelbaren und physischen Ausschluß ‚unsolidarischer‘ Elemente zielen, die zum Zwecke des erleichterten Aborts meist gleich mit dem Tier auf eine Stufe gestellt werden.

Zyklik und Permanenz

In diesem eliminatorischen Wunsch der Massen liegt durchaus Verwerfliches, denn er ist nicht ein aktualisiertes Bedürfnis nach echter Änderung, sondern im Gegenteil nach verordneter, festgeschriebener Harmonie, klarer Ordnung und endgültiger Abschaffung aller Freiheit. Während der hochbürgerlichen Ära war das Individuum, das ans freie Spiel der Kräfte und das auf diese Weise erzeugbare Gemeinwohl noch wirklich glaubte, tatsächlich verstört über die Krise als zyklischen Einspruch der Vernunft, wohingegen die Kollektivmonaden der Staatsanbeter modernen Zuschnitts sich schleunigst auf die Suche begeben, um den Störer höchstpersönlich zur Strecke zu bringen. Das ist die Grundstimmung des derzeit grassierenden Krisenbewußtseins, und jede Kritik muß sich daran messen lassen, ob und inwieweit sie sie fördert oder gar zur Tat ermuntert — auch hier muß entschieden werden, ob die Kritik zu einer Theorie des Besseren führt oder lediglich ein moderiertes und wortreich verbrämtes Verfahren der Panikregie ist.

Angesichts der hier wie dort verkündeten großen Sprünge macht es sich geradezu grotesk aus, womit die Protagonisten einer Großdemo unter dem schwachsinnigen Motto »Wir zahlen nicht für eure Krise!« aufwarten wollen, die schon einmal vorsorglich den Eliten einen »heißen Herbst« ankündigen, es dann aber doch ganz brav und krämerisch dabei belassen, sich die Geschichte der Arbeiterbewegung schön zu schwatzen, den Eckregelsatz von Hartz IV auf 500 EUR zu erhöhen und die »Verursacher« der Krise exklusiv zur Kasse zu bitten. Kurzum: Starrer, öffentlich-rechtlicher Kapitalismus mit gerechtem Lohn fürs gerechte Tagwerk und ein bißchen Good Governance dazu.

Das ist keine Rebellion und auch keine Aussicht auf die bessere Gesellschaft, sondern Lächerlichkeit in Potenz.

Denn schon längst haben wir es nicht mehr mit einem über jede Grenze hinauseilenden entfesselten Kapitalismus klassischer Prägung zu tun, der historisch betrachtet genau darin seine Berechtigung besessen hätte, einem echten Verein freier Menschen das Terrain zu planieren. Wir haben es zu tun mit einem politisch willkürlichen sozialstationären Kapitalismus im Staatszusammenhang, in dem das Kapital sich selbst bis zur Tautologie abstrahiert, in diesem Zustand seit etwa 140 Jahren existiert und statt eines bloß gesellschaftlichen Verhältnisses das reelle Gemeinwesen selbst geworden ist, also die faktische gesellschaftliche Natur.

Von den allzu hippen Schaustellern der Rebellion scheint niemand begriffen zu haben, daß der Kapitalismus den Übergang von der bürgerlichen zur etatistischen Phase schon lange vollzogen und genau dadurch nicht nur seinen, sondern auch den Charakter der ihm inhärenten Krisen grundsätzlich verändert hat: War die Krise vordem ein zyklisch sich entfaltender Einspruch der Vernunft gegen die Eskalation ins potentiell Unendliche und damit Absurde, so ist sie nunmehr ein permanenter Zustand politischer Unvernunft mit möglicherweise mörderischem Ausgang.

Dieser Zeitpunkt aber, an dem das Kapital sich über seinen logischen Tod hinaus von sich selbst abstrahiert, sich selbst Zweck und Motiv, Anfangs- und Endpunkt wird, ist nun keineswegs der Moment seines finalen Zusammenbruchs (wie selbst Žižek und seine unlustigen Epigonen nicht müde werden zu insinuieren), sondern der seit bald 140 Jahren gültige Stand der kapitalistischen Verhältnisse! In der Ära des Interventionsstaats muß das Kapital seine inneren Widersprüche nicht mehr mühsam kaschieren, sondern kann, was vorher der Markt blind besorgte, ins politische Kalkül des Volksstaates und seiner Organe verlegen und sich damit, wie erwähnt, in die faktische gesellschaftliche Natur transformieren, der — qua verbindlicher zentralisierter Entscheidung und Gewaltmonopol — alle Individuen angehören müssen und unterworfen werden. Krisenerscheinungen wie die, deren Zeugen wir in diesen Tagen sind, können ab jetzt nur noch Sabotage und Störung sein, die wiederum die Lust anstacheln, die Saboteure zu jagen: Nur ein deutscher Sozialstaat konnte und kann so auf die Idee einer Endlösung als Krisenelimination kommen.

Salto mortale in die Primitivität

Die Krise, so scheint’s, überkommt seitdem auch Herrscher wie Beherrschte gleichermaßen mit scheinbarer Unvermeidlichkeit, ähnlich wie Dürre, Hunger oder Pest zu früheren Zeiten. Hier und da mag man sich noch in den Ruinen des Vorgestrigen wohlfühlen: »Solidarität« hat noch immer einen romantisch-urwüchsigen Klang von Verheißung, obwohl sie, aus den Mündern der Staatsapologeten zu uns dringend, nichts anderes mehr bedeutet als blanke Lüge, die zur Parole herabgesunken ist. »Arbeit« ist immer noch der Anknüpfungspunkt jeder Wertsubstanz, der je eigenen wie der fremden, obwohl sie schon längst jeden transzendierenden Sinn überhaupt verloren hat: sie ist tatsächlich genauso überflüssig wie das politisch organisierte Kapital, aber ebenso zwingend.

Der »bürokratische Naturzustand« des autoritären Krisenpräventionsstaates, den noch Adorno und Horkheimer im Sinn und in der Theorie hatten, wird heute nicht mehr thematisiert, auch und schon erst recht nicht mehr von Linken. Dabei hätte Krisentheorie sehr wohl in der Folge der Kritischen Theorie zuerst und zumeist Staatskritik zu sein, und als solche Kritik eines ganz bestimmten Staates, nämlich dem des sozialen Auftrags, des Interessenausgleichs, Kritik des wohlmeinenden und ewigen Staates, der genau nicht »wir alle« sind, wie die Spruchweisheit sagt und wie gerade Linke immer skandieren (etwa wenn der nächste Zumwinkel wieder an der Steuer spart), sondern der exakt der »Gegensouverän« ist und nur sein kann, der jeden Emanzipationsanspruch des Individuums schon von sich aus negieren muß, um zu existieren. Solange diese Kritik nicht auch vermerkt, daß in dem Dualismus zwischen Legalität und Legitimität, dessen Einheit die staatliche Souveränität darstellt, der Nukleus des Gewaltverhältnisses nistet, das es zu beseitigen gilt, solange produziert sie allenfalls deutsche Ideologie von Rang oder auch Sinngebungsprosa für Buchmessebesucher, aber keine Platzhalter des Besseren.

In einer Welt der total kartellierten Staatsverhältnisse und –bedingungen zu leben ist schon nicht erfreulich, aber wenn darüber auch noch selbsternannte »Kritik« sich zur Tagung versammelnder Kommunisten darüber hinaus so tut, als wäre man nicht auf dem ureigensten Terrain der Politischen Ökonomie, so muß man das entweder dämlich oder feige oder beides nennen, zumal man auch auf anderen Feldern nichts zu bieten hat: Weder in der Kunst noch in der Liebe ist etwas von dem annoncierten Aufbruch spürbar, noch immer prozessiert der Behemoth, wie es ihm und ihm allein beliebt.

Denn auch darin ist diese Krise höchst aktuell und höchst aufschlußreich: Sie gibt unmißverständlich Aufschluß darüber, daß die, die sich am meisten vor ihr fürchten, sich nur eine Alternative vorstellen können — und diese Alternative von gestern ist. Und schon damals, nämlich im Gestern, notierte Titus Livius über diejenigen, die heute ‚multitude‘ sein sollen:

Haec natura multitudinis est, aut servit humiliter, aut superbe dominatur.

Ein Drittes gibt es bislang nicht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.