Leakology

Kennen Sie Seymour Hersh?

Selbstverständlich kennen Sie ihn — er ist der renommierteste Enthüllungsjournalist der Welt. Das Massaker von My-Lai während des Vietnamkriegs hat er ebenso aufgedeckt und an die Öffentlichkeit gebracht wie die von allen US-Medien bewußt verschwiegene Bombardierung Kambodschas sowie die Rolle der CIA beim Putsch von Augusto Pinochet. Seymour Hersh ist eine Legende, ein lebendes Mahnmal für all das, wofür Journalismus nach einhelliger Meinung stehen sollte.

Viel Arbeit, viel Recherche, viel Engagement, zusammengehalten von dem Willen, eine demokratische Öffentlichkeit über die kleinen und größeren Schweinereien beim Regieren zu informieren.

Was Seymour Hersh damit bewirkt hat? — Gar nichts, außer etwas Ruhm und Anerkennung, gerade auch in den USA, dem klassischen Land des Enthüllungsjournalismus, der aber ebendort auch ständig seine völlige Wirkungslosigkeit unter Beweis stellt. Seine Resultate mögen zwar vorübergehend politische Dimension erreichen, wenn sie, wie etwa beim Watergate-Skandal, als Waffen im Binnenmachtkampf der bereits etablierten Allgemeinheit verwendbar sind, nicht aber, wenn es um national bedeutsame Dinge wie Krieg und Frieden geht.

Enthüllungen à la Hersh besitzen den Vorteil, die Sensationslust auf sinistre Vorgänge »hinter den Kulissen« zu stimulieren, die Anziehungskraft des Skandalösen für sich nutzen zu können. Wesentlich schlechter ist es um Dinge bestellt, die nachweisen, daß hinter einem vermuteten Skandal gar nichts steckt: Das Nicht-Geschehen ist viel langweiliger als eine monströse Lüge.

Insofern liegt die Kraft der Enthüllung tatsächlich weniger an den Informationen, die auf diese Weise ihren Weg in die Öffentlichkeit finden, sondern im bloßen Akt des Publizierens selbst: Die Performance ist’s, worum es geht, der Inhalt der Enthüllungen bloß Anlaß zum Tätigwerden.

Dieser Dienstleistungscharakter der Enthüllung wird besonders deutlich, wenn wir uns die jüngere, zeitgemäßere Version von Seymour Hersh und Bob Woodward ansehen: WikiLeaks.

Anläßlich der jüngsten Leaks titelte ausgerechnet die Washington Post (in der Sy Hersh publizierte) in fast schon maliziöser Offenheit: »More leaks on the way, this time from State Department«. Nach Afghanistan und Irak »diesmal« also Klatsch aus dem Außenministerium. Woraus sich freilich die Frage ergibt, was »nächstes Mal« kommt: Die Bank of America oder doch Rußland? Was auch immer es sein mag, fürs weltweite Konsumentenglück ist jedenfalls bestens gesorgt.

Das Verblüffendste an den jüngsten Enthüllungen ist ihre ausgesprochene Harmlosigkeit. Daß amerikanische Diplomaten dem Volk hüben wie drüben genauer aufs Maul schauen als die etablierten Presseorgane im jeweiligen Land, daß also der gefürchtete Weltpolizist den Gesetzen des Bonapartismus (die Interessierten ausschalten, aber nur, um deren Interessen umso reiner zu artikulieren) vollends zu gehorchen scheint, darf man als Lektion in Sachen Medienkompetenz begreifen.

Bei den Irak-Leaks war es immerhin der berühmte »Zynismus«, den man im Angesicht der Enthüllungen witterte: War es nicht zynisch, daß das amerikanische Verteidigungsministerium darauf beharrte, daß im Kriege bedauerlicherweise auch einmal Menschen sterben? War es nicht zynisch, daß die US-Administration das Leben ihrer Invasionsstreitkräfte durch die Enthüllungen bedroht sah?

Bezeichnend ist der Vorwurf deshalb, weil dort, wo die größte Sünde der Zynismus ist — sprich: die Distanz zu den moralischen Protagonisten —, Massenmedien gar keine Öffentlichkeit im traditionellen Sinn mehr generieren, sondern nur mehr eine erweiterte Privatheit, gebildet nach dem Muster der hoch emotionalen Beziehungen in der Kleinfamilie, die durch keine kalkulierende und also abstrahierende Überlegung mehr begründet oder zusammengehalten wird, sondern nur noch von der Angst vorm Alleinsein. Die Maßstäbe, nach denen die öffentlichen Figuren, sei’s der Politik, des Militärs oder der Ökonomie, gemessen werden, sind nicht mehr die mehr oder minder vernünftigen, die man an Fremde anlegte, sondern solche, wie sie im höchstpersönlichen Nahbereich gelten: Gemeinschaft um jeden Preis statt Gesellschaft durch Zufall der Zeitgenossenschaft.

Je weniger die Mitglieder dieser Zwangsgemeinschaft sich ausstehen können, umso mehr bedürfen sie der Exterritorialisierung des Feindes, der man sich selbst ist, aber nicht sein darf.

Ein Beleg dafür ist die ständige Hysterisierung der Sexualität: Die stets besonders volkstümlich horchende BILD wußte am 8.12. von der »Sex-Akte Assange« zu berichten. Ob es die Vergewaltigung tatsächlich gab oder nicht ist dabei unbeachtlich, denn wären die Verhältnisse im privaten gleich wie im ‚öffentlichen‘ Bereich nicht schon längst der Tyrannei der Intimität erlegen, herrschte in ihnen nicht ständig latente Inzestuösität, würde so ein Vorwurf incl. der dazugehörigen Protagonisten gar nicht erst bedeutsam werden. Eben weil außer den Beteiligten niemand dabei war, aber die halbe Welt sich ganz mächtig mit elektrisierenden ‚Meinungen‘ hervortut, überwiegen die moralische Glaubwürdigkeit der Personen längst jede Glaubhaftigkeit in der Sache.

Und das ist in der Tat eine neue Qualität des Mediums Internet: Das Netz hat kulturindustriell die herkömmlichen Medienformen längst als Leitmedium einer intimisierten Öffentlichkeit abgelöst — ganz und gar ohne mächtige Konzernherren und Millionenauflagen wie im Print und ohne GEZ-Gebühren und Rundfunkrat wie beim TV, sondern anhand einiger Millionen privater Blogseiten, die ganz unvermittelt das libidinöse Bedürfnis nach Nähe befriedigen.

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