»Alttestamentarische« Sitten

Zu den Motiven der Tötung Osama bin Ladens erklärt Herfried Münkler im SPIEGEL:

Nur wer an die Existenz des „Bösen“ glaubt und „Böses“ nicht mit einer unglücklichen Jugend erklärt, wer – nach alttestamentarischer Überzeugung – das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn hochhält, dessen öffentliche Freude, dessen Rachegefühle über den Tod eines Feindes werden nachvollziehbar.

Und ein weiterer Kommentar im selben Blatt, diesmal von Robert Nelles, kommt gleich im Titel auf den Punkt: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«.

So sehen es auch rang- und namhafte deutsche Völkerrechtler, wie uns Thorsten Denkler in der »Süddeutschen Zeitung« erläutert:

Merkel, Westerwelle, Seehofer – deutsche Regierungspolitiker bejubeln die womöglich gezielte Tötung Osama bin Ladens. Völkerrechtler fühlen sich an das Alte Testament erinnert: Statt Rechtsstaatlichkeit regiere das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Und Lutz Herden befürchtet im »Freitag«:

Die Entgrenzung aller Maßstäbe ist zur Tugend verklärt, Auge um Auge, Gewalt gegen Gewalt.

Daß »Auge um Auge« Rache und Gewalt statt (!) Rechtsstaatlichkeit bedeute ist schlicht und ergreifend falsch, zumal dann, wenn es auch noch ganz unverhohlen als »alttestamentarisch« — d.h. auf schlecht Deutsch nichts anderes als: jüdisch! — vorgestellt wird.
Ich will im folgenden Auszüge einer Zuschrift veröffentlichen, die mich zu diesem Thema erreichte und die ich zur allgemeinen Kenntnisnahme ausdrücklich empfehle. Zuvor jedoch noch eine Bemerkung meinerseits:

Historisch ist das ius talionis nicht der Ausdruck höchster Rechtsverachtung und barer Willkür, sondern das genaue Gegenteil. Denn was bedeutet Talion? Sie bedeutet durchaus Vergeltung, war aber — und das ist der Punkt — ein echter Fortschritt gegenüber der bis dahin üblichen Praxis, da sie nicht nur Blutfehde und unbegrenzte Rache einhegte, sondern sogar etwas schuf, was man heutzutage als Rechtssicherheit, Vertrauensschutz und Verhältnismäßigkeit der Mittel bezeichnet. Der Täter weiß nämlich schon zum Zeitpunkt der Tatbegehung, was ihn an möglicher Höchststrafe erwartet: maximal und pari passu, was er selbst durch seine Tat an Schaden verursachte.

Davon nichts zu wissen ist für Journalisten und einschlägige »Experten« ohnehin schon schlimm genug, aber dann auch noch jede simple Rechercheleistung (die Wikipedia hätte da schon genügt!) zu unterlassen und stattdessen dummdreistesten und von jeder weiteren Kenntnis der Sache befreiten Ressentiments ihren Lauf zu lassen — ausgerechnet auch noch gegenüber dem Volk des Buches — das grenzt schon ans Verwerfliche.

Nun aber, wie angekündigt, Auszüge aus meiner Korrespondenz.

*****

»Lieber Josef,

(…)

Ich präsentiere Ihnen hier kurz und ohne die Erläuterung einiger weiterer in dem Zusammenhang interessanter Prinzipien des jüdischen Rechtes ein paar Erklärungen zum Talionsrecht aus jüdischer Sicht und zum Recht auf Selbstverteidigung und zur Pflicht einen Dritten vor dem Angriff auf sein Leben zu schützen- zur Not auch unter Inkaufnahme des Todes des Angreifers. (…)

Ich möchte zu diesem Zweck Rabbiner Nathan Peter Levinson zitieren: „Viele kennen aus der hebräischen Bibel nur den Satz „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ und meinen, daß es sich hier um eine typische Rachejustiz handelt. Genaues Lesen der drei Stellen, an denen dieses Prinzip angewandt wird, ergibt, daß es sich hierbei um den Schutz der Schwächeren gegen den Gewalttäter handelt.“ Schon die früheste Exegese der Rabbinen bestimmt als Grundsatz, daß „Auge um Auge“ Entschädigung, d.h. Geldbuße bedeutet, also den in Geld berechneten WERT eines Auges um ein Auge . . daraus leiteten die Rabbinen eine umfassende Entschädigungsgesetzgebung ab, die bis heute nicht in allen Gesellschaften ihresgleichen hat.

Ein Grundsatz für diese Entschädigungsregelungen lautet: „Wer seinen Nächsten verletzt, ist für fünf Schäden haftbar: Wertverlust, Schmerz, Heilung, Verdienstausfall und Beschämung“

Vgl.: Nathan Peter Levinson: „Ein Rabbiner erklärt die Bibel“ München 1982, S. 23. Das Buch ist allerdings lediglich als Einführung geeignet, es enthält vor allem Predigten von Nathan Peter Levinson (liberal).

Zum Talionsrecht sehr interessant ist weiterhin: „Die Thora in jüdischer Auslegung“ hrsg. von Gunther Plaut, autorisierte Übersetzung und Bearbeitung von Annette Böckler, Gütersloher Verlagshaus (2. Auflage, 1. Sonderauflage) 2008. Band II, Schemot/Exodus, S. 243-247.

Das ursprüngliche Erscheinungsjahr der Originalausgabe in den USA war 1981 – d.h. die neueren Entwicklungen im Reformjudentum zu einigen Themen sind nicht berücksichtigt. Das Werk ist allerdings dennoch interessant, weil an vielen Stellen auch die orthodoxen Auffassungen erläutert werden und weil Bezug u.a. auf den Codex Hammurabi genommen wird und auch muslimische Darstellungen einiger (allerdings weniger) Stellen aufgezeigt werden

Die fünfbändige Ausgabe zu den Auslegungen der Thora von Samson Raphael Hirsch (Begründer der Reform-Orthodoxie) liegt mir leider nicht vor, sonst würde ich sie auch heranziehen.

(…)

Das Recht zur Selbstverteidigung/Schutz eines Dritten vor einem Angriff:

Die alte talmudische Rechtsnorm, die auf die Tötung Osama bin Ladens angewandt werden könnte (wohlgemerkt nur rein theoretisch, denn Barack Obama kann sich ja nicht auf das talmudische Recht berufen, er ist ja kein Jude und Juden ist es ebenfalls nicht gestattet, die Gesetzte der Staaten, in denen sie leben zu übertreten, selbst dann, wenn sie jüdischen Gesetzen widersprechen), findet sich eher in einer Interpretation talmudischer Normen zum Thema Mord: (da mir keine Übersetzung von Maimonides vorliegt, zitiere ich hier aus zweiter Hand und aus einem anderen Zusammenhang –ich füge aber einen Link hinzu):

Maimonides: „Die Thora legt jedem Juden die Pflicht auf, den Verfolgten zu retten, selbst wenn das bedeutet, dem Verfolger das Leben zu nehmen, selbst wenn der Verfolger ein Minderjähriger ist, sogar wenn der Verfolger selbst aus einem Zwang heraus handelt. Obwohl jemand, der dies tut . . . , nicht bestraft wird, so ist es doch eine Form des Mords; der Verfolger darf getötet werden nur wegen der Verpflichtung ein Leben zu retten, selbst auf Kosten des Lebens des Verfolgers“ (Hertzberg, Arthur: Judaismus, die Grundlagen der jüdischen Religion, München 1993, S. 202 f.).

Link zu Marcus Cohn (Jüdisches Lexikon, leider derzeit nicht im Buchhandel erhältlich, eventuell antiquarisch). Marcus Cohn gehörte m.W. der modernen Orthodoxie an: http://juedisches-recht.de/lex_str_notwehr.php

(Die Forschungsstelle an der Uni Frankfurt erfoscht das aktuell geltende modern-orthodoxe Recht, gibt also keinen Überblick über Konservatives Judentum, Reformjudentum und Rekonstruktionstische Bewegung)

So schreibt Pnina Navé-Levinson (liberal) zum gleichen Thema: „Wenn der Mitmensch sich nicht bereit zeigt, auf Mordabsichten zu verzichten, so hat man die eigene Existenz zu verteidigen: „Wer kommt, dich umzubringen, dem komme zuvor (Babylon. Talmud, Berachot 58a).“ Navé-Levinson, Pnina: Einführung in die rabbinische Theologie, Darmstadt 1993, S. 75.

Sowohl Maimonides, Cohn und Levinson stimmen inhaltlich darin überein, dass die Verhältnismäßigkeit der Mittel stets gewahrt bleiben muß, d.h. der Tod des Angreifers ist nur dann gedeckt, wenn es sonst keine andere Möglichkeit gab, denjenigen von seinem Tun abzuhalten. Früher war es m.W. Sache des Sanhedrins, darüber ein Urteil zu fällen.

Übrigens: Bei der Frage: „Welches Verhalten ist denn nun richtig?“ Lautet die klassische rabbinische Antwort: „Es kommt darauf an!“ D.h. man muß immer die jeweilige Situation detailliert betrachten. Manchmal haben Rabbinen im Talmud völlig widersprüchliche Aussagen getätigt, die dort nebeneinander stehen. So ist nicht ersichtlich was die zu einem bestimmten Zeitpunkt Mehrheits- und was die Minderheitenmeinung war. Die Minderheitenmeinung blieb stehen – erstens sollte jeder Talmudschüler den Gang der Diskussion verfolgen können und zweitens konnte eine Minderheitenmeinung in einer anderen Zeit und unter anderen Umständen zur Mehrheitsmeinung werden. Es sprach sich z.B. einer der Rabbinen schon im Talmud gegen die Durchführung der Todesstrafe aus – er blieb in der Minderheit, aber seine Meinung blieb stehen. (…)«

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