Rohrkrepierer des Erinnerns

Der 6. August 1945 gehört zu den schwärzesten Tagen der Menschheitsgeschichte. Er markiert einen bis dato unvorstellbaren zivilisatorischen Tabubruch. Zum ersten Mal wurde Kernkraft als Waffe eingesetzt – mit verheerenden Folgen: Die amerikanische Atombombe machte Hiroshima binnen Sekunden dem Erdboden gleich.

(…)

Denn was im August 1945 geschehen ist, darf niemals vergessen werden. Das sind wir den vielen zehntausend Opfern, ihren Angehörigen und Freunden schuldig.

So sprach Ingeborg Junge-Reyer, Senatorin für Stadtentwicklung (!) in Berlin, am 06.08.2011 anläßlich einer Gedenkveranstaltung zum 66. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima und Nagasaki. Ihr Redebeitrag findet sich im Archiv der »Blätter für deutsche und internationale Politik«.

Ja, wir lesen schon richtig: »bis dato unvorstellbar« soll der »zivilisatorische Tabubruch« sein, den die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki ins Werk gesetzt haben. »Bis dato«, also bis zum 6. August 1945, ist für Frau Senatorin überhaupt nichts passiert, was an jene neue und ungeheuerliche Qualität der Verletzung des zivilisatorisch Üblichen heranreichen würde.

Diese interessierte Konstruktion klappt nur dann, wenn man die Geschichte ganz kalkuliert abschneidet, die bis zu jenem 6. August 1945 stattgefunden hat. Wenn Little Boy und Fat Man der negative Geschichtshorizont eines Zivilisationsbruchs sind, dann ist die Frage, wie es dazu kommen konnte und wer dafür die Verantwortung trägt, in ihr glattes Gegenteil verwandelt.

Die beiden Atombomben waren jedoch nicht der Zivilisationsbruch, sondern die Konsequenz eines Zivilisationsbruchs, der genau von jenen begangen wurde, die sich jetzt mit ihren jeweils besonderen Bombentoten, die durch gemeinsames Erinnern und Gedenken wechselseitig verbunden werden, auf die richtige Seite der Geschichte schlagen wollen, nämlich die der Opfer. Nicht die Nürnberger Gesetze, nicht die Wannseekonferenz, nicht Auschwitz, Sobibor, Treblinka und Majdanek, nicht die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und nicht das millionenfache Leiden und Sterben, das die ehemaligen Achsenmächte als Waffenbrüder über die Welt brachten — nein, die beiden Bomben, die all das beendet haben, sollen zum Mahnen und Erinnern Anlaß sein.

Daß eine faschistische Militärdiktatur, die noch im Sommer 1945 die Bevölkerung zum Durchhalten im Endkampf auffordern konnte, halb Asien dem Erdboden gleichgemacht hat und sich bis heute um die Aufarbeitung ihrer Kriegsverbrechen nur zu gerne drückt — das ist dann wohl eine ganz andere Geschichte, an die man sich lieber nicht erinnert; schon gar nicht, wenn die Waffenbrüder von gestern als Gedenkbrüder von heute Geschichtsfälschung betreiben.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.