Der Kapitalastrologe Albrecht Müller

In der Stunde seiner höchsten Not bekommt das Kapital ganz unerwartet ideellen Zuwachs: mitten in der größten Krise seit Menschengedenken entbrennt da ein kurioses staatsbürgerliches Vorschlagswesen, das sich als »konstruktive Kritik« versteht, d. h. als Einübung ins demokratische Pflichtbewußtsein, das jeden Einwand, jede begründete Ablehnung einer Sache in die Sorge um sie verwandelt. Aus der Krise folgt die berühmte »Systemfrage« und die buchstabiert sich als Aufforderung, hilfreich am System mitzuwirken, um es zu verbessern.

Dabei darf natürlich einer wie Albrecht Müller nicht fehlen, der seit einigen Jahren die NachDenkSeiten — eine Arte Freizeit-VdK für enttäuschte Sozialdemokraten — herausgibt und zuvor unter Willy Brandt und Helmut Schmidt sich auf den kanzleramtlichen Kommandohöhen der Republik zu schaffen machte. So einer muß ja schließlich wissen, wovon er redet, und also darf er in der F.A.Z. unter der Überschrift »Die Lüge von der Systemrelevanz« zur allgemeinen Mängelrüge ansetzen.

Und es geht dabei auch gleich richtig zur Sache:

Am 3.Februar 1996 erklärte der damalige Präsident der Deutschen Bundesbank Hans Tietmeyer in Davos, er habe bisweilen den Eindruck, „dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden“.

Zwar gilt Hans Tietmeyer den NachDenkSeiten seit Jahr und Tag als neoliberaler Theologe, dem man kein Wort glauben dürfe, aber den Satz von Davos nimmt ihm Müller ausnahmsweise einmal zum vollen Nennwert ab und erkennt darin ganz im Sinne seiner augenblicklichen Adressaten (»das konservative Bürgertum wie auch das kritische Bildungsbürgertum, soweit es das überhaupt noch gibt«) einen echten Skandal. Denn:

Die Qualität politischer Entscheidungen lebt davon, dass in einem demokratischen Prozess … um sachlich gute Lösungen gerungen wird und die Durchsetzung von Einzelinteressen begrenzt bleibt.

Was Albrecht der Wackere hier aus dem Zylinder zaubert ist ein altbekanntes demokratisches Karnickel namens Allgemeinwohl, an dem sich jede Beschwerde zu messen hat. Der konkrete Inhalt ist dabei völlig egal, der ideelle Maßstab dagegen alles.

Die Sache hat nur einen Haken: wer sich zum unbedingten Anwalt des »demokratischen Prozesses« aufschwingt, der muß sich die Einrede gefallen lassen, daß vor diesem Maßstab etwa die allfälligen Nullrunden bei der Rente, steigende Krankenkassenbeiträge, die Praxisgebühr und das Finanzmarkstabilisierungsgesetz in Ordnung gehen, weil alle diese Maßnahmen in einem demokratisch einwandfreien Verfahren beschlossen worden sind. Spricht das nun für sie oder gegen den Maßstab?

Die von Müller angemahnte erfolgreiche Begrenzung der »Durchsetzung von Einzelinteressen«, die gerade die »Qualität« politischer Entscheidungen ausmachen soll, kennen die Bezieher von Lohneinkommen übrigens schon seit längerer Zeit als Lohnverzicht bzw., vornehmer, als Lohnzurückhaltung: Wo kämen wir auch hin, wenn jeder und gerade die egoistischen Arbeiter nur auf ihren Geldbeutel schauten.

Wie auch immer — am grundguten demokratischen Procedere, an dem Müller so viel gelegen ist, kann der beklagenswerte Zustand der res publica jedenfalls nicht liegen, also muß ein anderer Mangel her. Den hat freilich zuvor schon eine weithin anerkannte Autorität von ganz anderer Statur dingfest gemacht. Auftritt Sankt Habermas:

Jetzt stellen wir aber fest, dass die Hauptdarsteller „seit 2008 an den Drähten der Finanzindustrie zappeln“, wie Jürgen Habermas die Entscheidungsfindung in der EU- und Euro-Krise beschreibt (F.A.Z. vom 5.November).

Da liegt also der Hase im Pfeffer! Wo immer Müller und Habermas hinsehen, überall entdecken sie nichts als Filz, Korruption, Machenschaft und Inkompetenz. Es versteht sich für die beiden Herren von selbst, daß die real existierende Misere, die die beste Demokratie aller Zeiten ganz regulär hinterläßt, nur als flagranter Verstoß gegen das zurechtgelegte Ideal von ihr denkbar ist.

Welche gemeinwohlschädlichen Folgen dieses Treiben hat, darf anschließend ein Mann der Praxis verdeutschen:

Der Vorstandsvorsitzende von Bosch, Franz Fehrenbach, beklagte im September, die Finanzmärkte seien wieder kurz davor, die Weltwirtschaft in eine neue Krise zu reißen; man könne in der Realwirtschaft schuften und machen – gegen die Spekulation komme man nicht an.

Zwar hat der internationale Autoschrauberkonzern namens Robert Bosch GmbH just im Jahr 2010 den größten Umsatz der Firmengeschichte sowie 2,5 Milliarden Euro Nachsteuergewinn eingefahren, was ohne jeden Zweifel allein dem unermüdlichen Schuften und Machen von Franz Fehrenbach zu verdanken ist, aber darüber schweigt sich Albrecht Müller dezent aus, wiewohl er sich ansonsten immer soviel darauf zugute hält, jeden Boss und jede Bonze besonders »kritisch« aufs Korn zu nehmen. Der Punkt, den er hier machen will, ist ein anderer:

Doch die Politik wagt es nicht, die Ausweitung des Kapitalmarktes zum Finanzcasino und die Vorherrschaft der Investmentbanker und Spekulanten in Frage zu stellen. Lobby und PR haben es geschafft, dass die Finanzindustrie sich ein besonders dickes Stück vom Volkseinkommen abschneiden konnte.

Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt: die »Finanzindustrie« hat keine ungebührlich großen Brocken vom Volkseinkommen abgezweigt, sondern überhaupt erst die Grundlagen dafür geschaffen, daß es so ein Ding wie das »Volkseinkommen« gibt. Den Nachweis dafür hat kein anderer als der zuvor zitierte Fehrenbach geliefert, denn dessen Klage, »die Finanzmärkte seien wieder kurz davor, die Weltwirtschaft in eine neue Krise zu reißen« stellt klar, daß der Erfolg der »Realwirtschaft« so und anders von den erfolgreichen Akkumulationen der »Finanzwirtschaft« abhängt und streng genommen sogar darauf beruht.

Daß »die Politik« dem Treiben der Finanzakrobaten nicht endlich Einhalt gebietet liegt auch nicht, wie Müller und die NachDenkSeiten stets behaupten, am verderblichen Einfluß dubioser Lobbyisten und weiträumiger PR-Kampagnen, denen das politische Personal mit denkwürdiger Regelmäßigkeit erliege, und die Liberalisierung der Märkte rund um den Globus beweist schon gar nicht irgendeine perhorreszierte »Ohnmacht des Staates« oder die abhanden gekommene nationale Soueränität, wie das Eingangszitat von Tietmeyer nahelegen soll.

Gerade der praktizierte Verzicht auf diese und jene Regulierung, Aufsicht und Kontrolle ist kein Mangel, Versagen oder auch nur Versehen, sondern vielmehr eine Leistung der Politik und das Ergebnis ihrer Regelungsmacht.

Wenn Müller vom »Ausverkauf an Investoren« redet, dem die gute alte »Deutschland AG« seligen Angedenkens zum Opfer gefallen sei, oder die im Zuge der Staatsbankrotts in Aussicht stehende Verschleuderung der griechischen »Tafelsilbers« beweint, so verdeutlicht das nur, daß die Politik — genauer: die der maßgebenden Staaten, deren Werk der Weltmarkt immerhin ist, auf dem die dazugehörigen Rechnungen beglichen werden — alle diese Maßnahmen als Mittel zu bestimmten Zwecken gebraucht: Auswärtiger Reichtum soll dem ökonomischen Zugriff offenstehen und den einheimischen Nationalschatz in den Himmel wachsen lassen — das ist die Zweckbestimmung jeder Außenpolitik genau so, wie jede Innenpolitik darauf zielt, ein Land zu einem möglichst tauglichen Kapitalstandort aufzumöbeln und herzurichten.

Insofern is es völlig hirnrissig, wenn Müller schreibt:

Nichts zwingt die Bundeskanzlerin offenbar, die Handhabung der Krise im Euroraum sachlicher und sachverständiger anzugehen als bisher …

Recht viel »sachlicher« und »verständiger« als Angela Merkel kann man die Eurokrise gar nicht angehen, denn die deutsche Bundeskanzlerin hat genau das getan, wozu ein deutscher Bundeskanzler schließlich ins Amt kommt: das »Wohl des deutschen Volkes zu mehren«, was in kapitalistischen Staaten nichts anderes heißt als dem heimischen Nationalschatz den ungehinderten Zugriff auf auswärtige Ressourcen zu verschaffen.

Vermutlich ist das Problem von Albrecht Müller nur, daß er lediglich Herausgeber der NachDenkSeiten und also auf die Zuschauerränge dieser Haupt- und Staatsaktion verwiesen ist.

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3 Kommentare zu Der Kapitalastrologe Albrecht Müller

  1. rainer kühn sagt:

    Das Original der vorgezeigten Ideologie der kleinen Frau ist ja die Margareth Gorges, die glücklichdumpf mit ausgewählten NichtNachgeDachtSeiten in einer kleinen mit einer politischen Bestimmung bestimmt nicht linken Zeitung online herumwirft: das Original des Tausendundeinenachtsassa A. Müller sozusagen.
    Im Text heißt es: „Es versteht sich für die beiden Herren (Müller & Habermas) von selbst, daß die real existierende Misere, die die beste Demokratie aller Zeiten ganz regulär hinterläßt, nur als flagranter Verstoß gegen das zurechtgelegte Ideal von ihr denkbar ist.“ Genau: Infos aus der Gleichnis-Höhle der Sozialschattendemokraten. – Warum ist bloß der Arbeit.g.e.b.e.r nicht so, wie es sich der alldeutsche Gewerkschafter a.u.s.g.e.d.a.c.h.t hat? Die beste aller Demokratien hat ihre Idealschatten wohl noch nicht weit genug geworfen … Da lacht das Kanzelamt, zurecht, über A. Müller, M. Gorges und J. Habermas!

    Andreas Dorau sang einmal ein schönes Lied – mit Willy-Brandt-Einspieler -: ‚Das ist Demokratie, langweilig wird sie nie …“
    Ich mag es nicht, wenn das Volk herrscht … nein, mag ich nicht …

  2. fidelche sagt:

    Die Nachdenkseiten stehen in der Tradition des „Freitags“. Gutes „schaffendes“ Kapital gegen böses „raffendes“ Kapital, „Finanzcasino“, „Heuschrecken“, „Israellobby“ usw. usw. Vor vielen Jahren war das internationale Finanzjudentum, nun sind die internationalen Finanzmärkte schuld an der Misere.

    Ich habe vor einigen Jahren Albrecht Müller bezüglich eines israelkritischen Artikels kontaktiert, eine Antwort bekam ich, die aber nicht der Rede wert war. Die „Nachdenkseiten“ sind so wenig aufklärerisch wie es der „Freitag“, seine Community oder seine Margareth Gorges sind, vielleicht scheinbar etwas seriöser.

  3. Paul sagt:

    Lieber Jap,
    ich lese Ihre Komentare seit Sie als Viscount bei der Zeit schrieben.
    Danach Jap bei der Zeit, dann beim Freitag.
    Ihre Beiträge habe ich immer sehr geschätzt, weil sie oft neue Perspektiven zeigten, und abseits des öffentlich-rechtlichen Meinungsmainstreams lagen.
    Wegen Ihnen habe ich angefangen, mich mit den Libertarians in den VSA zu beschäftigen.
    Ihre Kommentare bei den Denk Panzer Jungs, waren die ersten schablonenhaften Polemiken, die ich von Ihnen gelesen habe.
    Ich denke Ihr Schweigen seit 11.2011 ist Ihrem Erschrecken geschuldet, das Sie zu platter Polemik fähig sind.
    Falls ich daneben liege, und Ihr Schweigen Ihrer Gesundheit geschuldet ist, sei Ihnen alles Beste und eine möglichst schnelle Genesung gewünscht.
    Wie auch immer, möchte ich Sie einladen bei http://www.zerohedge.com/ mitzumachen, da entgehen Sie dem ganzen deutschen KleinKlein.
    Beste Grüße Paul

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