Mit dem Ersten stirbt man besser

Über die neueste Volte einer alten deutschen Sehnsucht

»Was wußten sie von Klassenhaß, der heute unser Volk zerfleischt?
Nicht rechts, nicht links gerichtet waren sie, sondern alle nur deutsche Brüder.
«
(Volkstrauertag 1925)

»Unsere Toten mahnen. Und darauf kommt es an.
Horche jeder auf den Geist der Toten und bekenne sich zu ihnen:
Selber riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!
«
(Volkstrauertag 1926)

Das Erste, oberstes Sinnstiftungs-Telekolleg der Nation, hat eine unheimliche Entdeckung gemacht: 67 Jahre nachdem die Deutschen ihre ausgewiesene Expertise bei der massenweisen Produktion von Leichen schlagend unter Beweis gestellt haben verlernen sie ausgerechnet — das Sterben. Das kann freilich weder der Staatsmacht noch ihren willigen Kopflangern gefallen, denn mit Menschenmaterial, das sich nicht wenigstens aufs Verrecken versteht, ist schon ganz allgemein kein Staat zu machen, erst recht aber kein deutscher.

Darum folgt pünktlich zum Heldengedenktag Volkstrauertag 2012, was zu befürchten war: eine ARD-Themenwoche unter dem nicht nur grammatisch schwierigen Titel »Sie werden sterben. Lasst uns darüber reden

Mußten am Sonntag unter präsidialer Ägide »die Toten« wieder einmal so eindringlich wie weihevoll »mahnen«, so dürfen tags darauf die so Gemahnten in die Mikrophone sprechen, welche Konsequenzen sie daraus ziehen:

»Das Leben ist nicht ganz einfach und ich glaube danach wirds nur noch leichter« (ab 00:28): was der Kopf nicht denken kann, das soll der Bauch richten; was das Hirn nicht begreifen kann, wird das Gefühl schon leisten.

Wenn wir schon im Leben nichts zu melden haben, dann soll wenigstens der Tod uns endlich frei machen. Das ist die raunende Zauberformel nicht von Menschen, die die Möglichkeit eines besseren Lebens immerhin noch denken können, sondern von Untoten, von Zombies, die in dieser Welt längst nicht mehr leben, sondern bloß noch wesen. Da der Kampf ums nackte Überleben um jeden Preis, nach Maßgabe der kapitalen Synthesis, schon seit langem unnötig geworden ist, bleibt den Überflüssigen nur mehr die Flucht nach vorn, der Salto Mortale in die Negativität, der das So-Sein zum Tode als das schlechthin Eigentliche, Authentische, Ganzheitliche der Gattung, als wahres Reich der Freiheit erscheinen läßt, das geistig vorweggenommen und noch überboten wird durch den unbedingten Willen zur Identifikation mit dem Nichts.

Das Produkt solcher Anstrengung ist freilich nicht der Verein freier Menschen, sondern nur Humus; die Versöhnung keine der Gattung mit sich selbst, sondern nur die Ruhe von Gräbern, die Harmonie von Friedhöfen; der nekrophile Voyeurismus ihr ständiger Begleiter.

Deutschland im Jahre 2012.

Kaum hier, bin ich froh, bald wieder weg zu sein.

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Ein Kommentar zu Mit dem Ersten stirbt man besser

  1. rainer kühn sagt:

    Zwei Dinge hebe ich heraus, bei allem unverhofften Lesen hier und da / Amerika:
    „Das Erste, oberstes Sinnstiftungs-Telekolleg der Nation“ – unterzeichnet und morgen mit einem 08:15 im Lindenblatt beschlossen
    „Kaum hier, bin ich froh, bald wieder weg zu sein.“ Auch dies ein Satz, dem ich Sympathie nachsagen will. (Klar, Schweiz gildet nich … 😉

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