Betreutes Denken

Einige Auskünfte zur Frage, welchen Zwecken wissenschaftliche Arbeiten heute dienen.*

1. Eine wissenschaftliche Arbeit hat »wissenschaftlichen Standards« zu genügen. Dazu gehört zwingend, daß ein Wissenschaftler bei der Publikation seiner Denkergebnisse penibel genau verzeichnet, »auf welche Forschungsergebnisse anderer Wissenschaftler er sich beruft (Zitation) und welche (neuen) Aspekte von ihm sind.« (Quelle)

Wissenschaftliche Standards bestehen also bezeichnenderweise eben genau nicht aus der einzigen sachgerechten Frage, die sich ein Gedanke gefallen lassen muß, wenn er als wissenschaftlich gelten können soll — nämlich der, ob er stimmt oder nicht — sondern aus nichts anderem als endlich wieder gelten sollendem Rechtsschutz zugunsten des Eigentümers der Gedanken, dem man gefälligst Respekt erweisen muß, indem man ihn unter Nennung seines Namens richtig zitiert, d. h. ausdrücklich kenntlich macht, daß auf dem Gedanken, den man gerade äußert, fremde Rechte liegen, die ihren Inhaber mit dem Privileg ausstatten, seinen Namen dauerhaft mit einem allgemeinen Produkt des menschlichen Verstandes zu beschweren.

2. Von zu Guttenberg über Koch-Mehrin bis zu Schavan: Keine einzige Dissertation wurde deswegen gekippt, weil sich etwa jemand mal ausnahmsweise genau angesehen hätte, ob die vorgetragenen Gedanken und die Schlüsse sachlich, also auf den Erkenntnisgegenstand bezogen, richtig, triftig und schlüssig gewesen sind oder nicht. Das einzige, was die Gemüter von sowohl hochmögenden Magnifizenzen als auch Laien-Kopflangern bewogen hat, war die nur je getreue Beachtung des gedanklichen Privateigentums der Erstdenker durch die Nachdenker, also der Respekt vor den herrschend gemachten akademischen Denksitten, nach denen der universitäre »Wissenschaftsbetrieb« schon längst in der Hauptsache organisiert ist.

3. Der Zweck wissenschaftlicher Arbeiten ist: Compliance. Sie sind gar nicht Ausweis von richtigem Denken und Fortschritt in der Erkenntnis, sondern Schlüssel für diejenigen Türen, die den Zugang zu einer erlauchten gesellschaftlichen Gruppe eröffnen, zu der der Zugang nicht ohne Grund beschränkt ist, weil sie maßgeblich über die Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse entscheidet und ihre Funktion die Selektion des dafür geeigneten und willigen Herrschaftspersonals ist: Akademiker ist, wer die Welt verwaltet, die von denen produziert wird, die es nicht auf die Akademie geschafft haben.

4. Ohne gewissenhafte Zuordnung der Gedanken zu entsprechenden Autoritäten sowie ohne Kotau vor dem Urteil der ’scientific community‘, wie diese Autoritäten und ihre jeweiligen Meinungen zu gewichten seien, ist es der Wissenschaftlergemeinde völlig unmöglich, festzustellen, ob etwas den Anforderungen der Wissenschaftlichkeit entspricht oder nicht. Der Maßstab dieser Compliance ist demnach der Rechtsstandpunkt. Dieser hat mit der vorgetragenen Erkenntnis selbst rein gar nichts zu tun, ist aber als formale conditio sine qua non die Hauptsache: Wenn die Formalia eingehalten worden sind, dann rücken die Sachfragen überhaupt erst in den Blick.


*) Es handelt sich hier um einen redaktionell aufs Wesentliche gekürzten Artikel von mir aus dem Jahr 2011.
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2 Kommentare zu Betreutes Denken

  1. rainer kühn sagt:

    Karriereabschnittspartner Universität! Dahin ist es wohl gekommen, obgleich sie im ganzen Falschen immer schon mit solcher Ähnlichkeit geschlagen war. ‚Ausbildung willigen Herrschaftspersonals‘.
    Kann man heute überhaupt noch den anti-emanzipativen Zusammenhang von Bildung und angeschlossenem Ministerium anderswo als dort diskutieren, wo die zertifizierten Schiedsrichter nach ihrem Regelwerk ‚Abseits‘ pfeifen? – Der jetzige Karneval um Schavan hat mich mal wieder kontrafaktisch an Hans-Joachim Heydorn erinnert. Allein die Wikipedia: Was für eine Biographie in den Widersprüchen von Bildung und Herrschaft! Und jetzt guck´ ich, was der Rosenmontagszug der Universitätsstadt Münster dazu zu sagen hat …

  2. alexander/tycho/philoktet sagt:

    Genau der Punkt 2 war Causa eines meiner Gespräche darüber: Wie hätte das Vorverdauene zu Tage treten können in einem Zeitalter ohne Queries auf verfügbare Quellen, denn es zuckt ja schon jene Fragestellung in wie weit ein Doktorvater oder eben ein Gremium hätte gegenprüfen können, unter Anbetracht solch unkeuscher Fragestellung, wer eigentlich außer Haftung verbleibt. Poarch -> Ich konnte nix dafür, weil ich bin zwar forangeschritten worden und außerodentlich gestellt, aber meine Bewertung ist nicht nur zeitlos, sondern über getragen worden ob eines Avatares.
    Seltsam.

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